Gruppe 13


Räuberpistolen für den Hausgebrauch


Der Wrestler und der Everest

von Brenton Spade

Majestätisch ruhte der Berg in sich. Darin hatten sie einiges gemeinsam, der Ex-Wrestler und der Mount Everest. In der Ruhe. In der Kraft. Furiose Winde jagten Schneewirbel den Gipfel hinab. Es machte dem Everest nichts aus. Alec „The Texan Pyramid“ Biscuit fokussierte den Gipfel aus seinem verbliebenen linken Auge. Der Wrestler hatte seine aktive Karriere in der World Wrestling Foundation mit 72 Jahren an den Nagel gehängt und per Crowdfunding eine weitere Firma gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, zahlungskräftige Klienten auf den höchsten Berg der Erde zu bringen - und wieder zurück. „Mountain Magna Force Power“ war diese Saison zum ersten Mal in der Region aktiv, hatte aber keine Schwierigkeiten gehabt, Klienten zu gewinnen. Eine Mischung aus raffinierten Anzeigen in der Apotheken-Umschau und einem Schnäppchenpreis machten das Angebot attraktiv. Mit 20.000 Dollar platzierte Alec „The Texan Pyramid“ Biscuit seine Firma am unteren Ende der konkurrierenden kommerziellen Expeditionen. Angebissen hatten Donald Rumsfeld, ein hochdekorierter Fliegenfischer aus Milwaukee (nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten von Amerika), Cheyenne Kruger, aufstrebende Nachwuchsbibliothekarin in der Katalogisierungsabteilung der Library of Congress, und Chico W. Horowitz, ein illegal aus Mexiko eingewanderter Flötist, der allerdings bisher bereits jede freie Minute seines Daseins für Kletteraktionen in den Rocky Mountains genutzt hatte. Donald besaß keine nennenswerte Mountaineering Experience, hatte jedoch den eisernen Willen, noch etwas zu erreichen in seinem bisher an Spannung armem Leben. Cheyenne schließlich kannte sich gut aus in der Himalaya-Ecke, sie hatte bereits den K2, den Lhotse und den Annapurna ohne künstlichen Sauerstoff, dafür aber mit dem Zusatzgewicht zweier pretioser Inkunabeln (der Gutenberg-Bibel aus den Werkstätten zu Mainz 1454 und dem Quart-Format „De arte loquendi et tacendi“ von Albertanus Causidius Brixiensis, Ausgabe Antwerpen 1484) bestiegen, wobei sie jeweils zwei Zehen auf den Gipfeln gelassen hatte, auf dem Lhotse sogar drei. Ein Bombenteam, dachte sich Alec. Da kann ja nichts schiefgehen.

Im Everest Basecamp herrschte ein reges Kommen und Gehen. Sherpas kochten Hummer auf Tagliatelle, eine Bob-Marley-Coverband spielte heute im Zelt des Mannschaftsausfluges der Pekinger Snooker-Mannschaft, und vor dem Puffzelt wurde die rote Laterne gebohnert. Auf der nepalesischen Seite hatten etwa 60 Teams ihre Zelte aufgeschlagen. Alle Teamchefs wollten noch vor dem Monsun ihre Klienten auf den Gipfel treiben. Es war das Jahr 1 nach der schlimmsten Tragödie in der Geschichte des Berges. 71 Bergsteigerinnen und Bergsteiger und 2 Sherpas hatten im vorangegangenen Jahr ihr Leben auf dem Berg ausgehaucht. Eine gewaltige Lawine war ins Western Cwm gerauscht und hatte ein ganzes Camp verschluckt. Dieses Jahr schienen die Bedingungen weitaus freundlicher. Der Winter hatte deutlich weniger Schnee gebracht, einzig die letztjährigen Leichen kamen in bizarrer Weise aus dem gefrorenen Nass hervor und bildeten ein neues Hindernis aus porzellanglänzenden, erfrorenen Körperteilen, von der nepalesischen Bergsteigerlegende Ang Bakelit Sherpa bereits „Skulpturenwald von Pompeji“ getauft. Die guten Rahmenbedingungen allerdings waren nur eine Seite der Medaille - Alec rechnete wie seine Konkurrenten mit einem extremen Rückstau an den Engstellen des gewaltigen Berges. Zwar hatte das lokale Verkehrsministerium auf der höhergelegenen Route zwischen Camp 3 und 4 eine feste Ampelanlage installiert, doch einen Stau konnte auch sie nicht vermeiden, wenn einfach zu viel los war am Berg. Eine fickrige Nervösität durchfloss das Basislager, man konnte es allerorten spüren, im westlichen Dorf und in der Taverne „Zum durstigen Yak“.

„Pfwummmp!“ wummerte es von den Balsaholzplanken im Ring. Ein Aufschrei ging durch die 10.000 Zuschauer im East Houston Sports Center. Ihr Favorit, Alec „The Texan Pyramid“ Biscuit war gerade seinem ärgsten Rivalen, Doctor Dick „Big Balls“ Shultz in die Wirbelsäule gesprungen. Jeder spürte den Schmerz, als wäre es ihr eigener Körper. Reglos lag Doc Shultz am Boden und sah aus wie tot. Die texanische Pyramide hatte ihren finalen Move ausgeführt und war nun endgültig im Olymp der Wrestlinggötter angekommen. Das Publikum toste und schrie. Musik dröhnte glorreich in seinen Ohren. Alec schloss seine verquollenen Augen für einen Moment, und sofort hatte er ein Gefühl, als wäre er unter Wasser. Nur noch gedämpft drangen die äußeren Klänge an sein Ohr. Dann schlug er die Augen wieder auf. Benommen nahm er seine Umgebung wahr. Er war nicht mehr im Ring. Er sah Fels und Eis und eine nachrückende Seilschaft unter ihm. Irritiert wischte er die letzten Eindrücke seines finalen Kampfes beiseite und sammelte seine Konzentration für den Aufstieg. Der Sauerstoffmangel spielte ihm einen Streich, doch er glaubte nicht, an der Höhenkrankheit oder gar einem Hirnödem zu leiden. Alec rammte seinen Eispickel in den Gletscher und kroch langsam den Berg hoch.

Donald Rumsfeld hatte schon im Khumbu-Gletscher das Handtuch geworfen. Über Aluminiumleitern in der präparierten Eiswelt klettern, das war ihm irgendwie zu weibisch vorgekommen. Er hatte versucht, seine Steigeisen in die gewaltigen Zapfen zu rammen, um auf eigene Faust den Eisbruch zu besiegen, doch er hatte nur zweiunddreißig Zentimeter geschafft, soviel hatte ihm sein persönlich zur Seite gestellter Sherpa mit dem Lineal nachgemessen. Mit den Worten „Mountaineering is for pussies“ machte er kehrt zum Basislager und hockte sich vor den Fernseher. Es lief eine Tierdokumentation über Hechte im Westindischen Ozean. Donald hatte die Schnauze gestrichen voll.
Chico W. Horowitz und Cheyenne Kruger, Alecs beide verbliebene Klienten, hatten es bis ins Lager 3 geschafft, als eine Schlechtwetterfront aus dem Nichts aufzog. Ihre Schreie um Hilfe blieben unerhört; sie wurden im Nu vom Blizzard tief in die tibetische Hochebene geweht.

Alec hatte alles mitangesehen und blickte bedröppelt auf die abziehenden Wolken.

Fucking Shit.

Naja, dann eben nächstes Jahr.