Gruppe 13


Räuberpistolen für den Hausgebrauch


Das Versehen

von A.

B. hatte kein Talent für das Zwischenmenschliche. Damit das so blieb, sagte er das auch direkt so beim Erstkontakt, wenn es dann doch mal zu einem kam. Im Grunde wollte er doch nur alles richtig machen. Es war allzu leicht, etwas Falsches zu sagen, oder den falschen Moment abzupassen, mit der falschen Wimper zu zucken, das falsche T-Shirt angezogen zu haben. Daher trug er, seit er über seinen Kleiderschrank selbst verfügen durfte, also seit er 23 war, ausschließlich schwarze Kleidung ohne Motiv, in der Regel eine Nummer zu groß, also L, da fühlte er sich sicherer. Alles Mimische hatte er weitgehend eingestellt, gelegentlich rutschte ihm, wenn der Aberwitz es wollte, ein hysterisch anmutendes,  sekundenkurzes Kichern raus, von dem er dann hoffte, niemand habe es bemerkt. Er nahm sich stets ausreichend Zeit zu beurteilen, wann ein „richtiger“ Moment gekommen war, nur um dann immer und immer wieder festzustellen, dass jede Gelegenheit schon verstrichen, die nette neue Nachbarin schon vor zwei Jahren wieder ausgezogen, der einzige halbwegs vertrauenswürdige Zahnarzt längst in Pension, der lang vermisste Schulfreund eben nach Australien ausgewandert war.

Richtig machen wollte B. alles auch, als die Sache mit den Blattläusen passierte. Nachdem eine Vogelspinne und zwei Skorpione - selbstredend die jeweils giftigsten Exemplare ihrer Art - in seiner gleichsam bemühten und unbeholfenen Gesellschaft eingegangen waren, hatte B. es mit Pflanzen versucht - nicht ohne einen gewissen Erfolg! Aus kleinen weißen Samenkörnern zog er sich auf dem Balkon eine ganze Armee an Chilipflänzchen, welche schließlich über Monate hinweg allerschärfste Schoten abwarfen. So manch eine wurde B. von Kollegen durchaus anerkennend abgenommen. Auf Dauer konnte er zwar niemanden damit beeindrucken, dennoch wurde er panisch, als er eines schlimmen Tages die Läuse entdeckte. Zwischen ihm und seinen Bäumchen war schließlich ein gewisses Geben und Nehmen entstanden.

Chemie und Experimente kamen nicht in Frage. Die Natur selbst, so sehr B. sie sonst zu meiden suchte, musste helfen. B. informierte sich gründlich, nach aufwändiger Recherche schienen Marienkäfer das Mittel der Wahl zu sein.

Leider kümmerte man sich weniger gründlich um seine Bestellung, und leider bemerkte B. dies zunächst nicht, so dass er die erhaltenen 30 Larven frohen Mutes auf die mittlerweile auf die Fensterbank umgezogenen Töpfe verteilte. Die Käferbabies machten ihren Job gut, B. hatte eine ganze Weile lang Freude am Kampf Larve gegen Laus, die Pflanzen begannen sich zu erholen, es ging erstaunlich schnell. Interessiert beobachtete B. die Verpuppung. Nahezu alle Käfer schlüpften schließlich gleichzeitig. Gespannt wartete B., dass auf den knallroten Panzern langsam die zwei zu erwartenden Punkte sichtbar würden. Die rührende Bescheidenheit des Zweipunktkäfers gegenüber der Prahlerei des Siebenpunkts hatte ihm die Entscheidung leicht gemacht. Als wenige Stunden nach dem Schlupf die blassen Punkte in Erscheinung traten, wurde B. heiß. Im Grunde waren es nicht einmal richtige Punkte, sondern ausgefranste Flecken, deren Anzahl, B. zählte und zählte sie ungläubig immer wieder, entsetzliche 19 betrug. Man hatte ihm einen Asiaten untergejubelt, von dessen Ausbringung ins Freiland wegen übermäßigen Vermehrens und Freßüberfälle auf die einheimische Art dringendst abzuraten war! Nun taten die Ungeheuer ihrem Ruf alle Ehre, fraßen und gediehen und vervielfältigten sich prächtig.

B. bemühte sich, er rang um Besonnenheit. Er grenzte die Katastrophe ein, indem er alle Fenster fortan geschlossen hielt. Die Wohnungstür wurde, nur wenn unbedingt nötig, gerade eben soweit geöffnet, dass er um Haares- nicht aber um Käfersbreite hinausschlüpfen konnte. Besucher, die stutzig werden konnten, waren nicht zu erwarten.

So weit, so gut.

Dann kam der Winter. B., dessen licht- und hitzescheue Haut jährlich den kalten Monaten bleich entgegenfieberte, schätzte Heizungswärme nicht. Als kaltblütiger Käfermörder, der die ganze, mittlerweile recht unübersichtliche Brut erfrieren ließ, wollte er jedoch trotz allem nicht dastehen. Er musste es richtig machen.

Die Käfer, er zählte stattliche 631 Stück, wurden behutsam eingefangen, in das ausbruchsichere Terrarium mit Fallscheiben gesetzt und ins Badezimmer – kleinster und schnellst beheizbarer Raum in B.‘s Behausung – übersiedelt. Der Glaskasten fand in der Badewanne seinen neuen Platz, B. begnügte sich fortan mit Seifelappenkatzenwäsche am Waschbecken. Die Fenster ließ er aus Angst vor nachschlüpfenden Exemplaren noch einige Wochen geschlossen, es stellte sich jedoch heraus, dass er saubere Arbeit geleistet hatte.

Es dauerte nicht lang, und im Glaskasten kam das allgemeine Käfersterben in Gang. B. heizte ein bisschen doller, streute zerpulverte Vitamintabletten über die abgezupften, immer noch verlausten Chiliblätter. Am Ende des Winters war B. wieder allein in seiner Wohnung. Kahle, braunschwarze Stümpfe ragten aus den Tontöpfen auf der Fensterbank. Sämtliche Käfer lagen, die Beine zuoberst, in drei Schichten im Terrarium, ihre Futtertiere krabbelten noch ein paar Tage irritiert über sie hinweg, bis auch sie ihre Lebenslust aushauchten. Dabei hatte B. doch alles richtig gemacht.

B.: „A. erzähle ich nie wieder was.“